Mehrgenerationen-Projekt in Bad Endorf

 
 

„Haus 2030“
 
In Bad Endorf gibt es seit 2014 eine Mehrgenerationensiedlung.

 
In der Mehrgenerationensiedlung in Bad Endorf an der Traunsteiner Straße (Eisenbartlinger Berg) stehen 9 Einfamilienhäuser und ein weiteres Haus für den Gemeinschaftsraum mit 2 darüber liegenden Single-Wohnungen. Mittlerweile leben dort 23 Personen im Alter vom Kleinkind bis zum Rentner. Durch die Infrastruktur entstanden gewollte ständige Begegnungsstätten (gemeinsamer Keller, gemeinsamer Tonnenraum, gemeinsamer Fahrradraum, Kinderspielplatz der gesamte Innenhof, Werkstätten, ein Gemeinschaftsraum für eine mögliche Kinderbetreuung als auch für Treffen der Bewohner und weiterer Aktivitäten, zur Verfügung. Wie in jeder ortsüblichen Siedlung gilt für jedes Haus die Privat- und Intimsphäre. Es gibt weder einen „Führer“, noch eine Person die bestimmt, wo es lang geht. Die Holz Häuser, gebaut in Niedrigenergiestandart mit entsprechender Energieeffizienz sind weitgehend mit baubiologisch unbedenklichen Materialien errichtet. Deshalb erhielten sie die Bezeichnung „Haus 2030“.

Die Motivation für diese Siedlung:

Das Ziel ist, durch eine etwas intensivere Nachbarschaft und der Mischung verschiedener Altergruppen, sich gegenseitig wieder mehr Geborgenheit zu geben. Von dieser Geborgenheit, in der wir seit Tausenden, oder sogar Millionen von Jahren lebten, haben wir in den reichen Ländern unserer Erde in den letzten 150 Jahren, dem Beginn des Industriezeitalters, sehr viel verloren. Auf Grund dieses Vakuums reagierten wir bereits früh mit „Krücken“. Anfangs mit der Gründung von Vereinen und nach und nach mit der Erfindung von Radio, Fernsehen und Computern. Sie alle können aber die zwischenmenschliche Wärme nicht ersetzen. Nach den Prognosen ist bei uns in Deutschland im Jahr 2020 die Depression die häufigste Krankheit (inkl. Dunkelziffer vielleicht schon heute). Die Gettoisierung der Altersgruppen von der Kinderkrippe bis zum Alters- oder Behindertenheim, haben ebenfalls zur Vereinsamung in unserer Gesellschaft beigetragen. Auf Grund sehr vieler Wohnungsanfragen von meist älteren Leuten ist zu spüren, wie stark unsere „Wohlstandsvereinsamung“, verbunden mit der Angst vor dem Altersheim ist. Parallel zum Wachstum des Wohlstandes, konnten wir Menschen es uns leisten, den unangenehmen Seiten einer Großfamilie oder Sippe, - der eines zu engen Zusammenlebens, auszuweichen. Leider sahen wir darin nur die Vorteile. Die schmerzlichen Nachteile konnten wir zu dieser Zeit leider noch nicht erkennen. Die Folge: „WAS FRÜHER ZU ENG WAR, IST HEUT ZU WEIT“! Das Ziel in Bad Endorf ist der Mittelweg, der sowohl der Individualität jedes Einzelnen, als auch der einer Gemeinschaft, gerecht wird.

Die Architektur:

              Herr lass Dir gefallen dieses kleine Haus,
              größere kann man bauen,
              mehr kommt nicht heraus!
              J. W. v. Goethe

Die Hausgrößen für 2 bis 3 Bewohner betragen 75 m² und für 4 Bewohner 100 m².

Zusammen mit den Architekten Roland Sommerer, Ulrich Hatz optimierten ich ein Jahr lang die Hausgrößen nach dem Motto „so groß wie notwendig und so klein als möglich“! Dabei wurde auch die Philosophie von Wohnmobilplanern in die Überlegungen, wie z. B. genügend Stauraum zu schaffen und nicht, oder kaum genutzte Flächen erst gar nicht zu bauen, mit einbezogen. Weitere Kriterien bezüglich der Baumaterialien sind, baubiologisch sauber zu bleiben und unter Berücksichtigung des Energieverbrauchs, konsequent in Passivstandart zu bauen. Der niedrige U Wert von 0,11 kann mit der heutigen Technik im Steinbau mit 40 cm Wandstärke nicht erreicht werden. Die Außenhaut wird deshalb in Holzrahmenbau, deren 40 cm Wandstärke fast ausschließlich aus Dämmung besteht, errichtet. Eine weiterer Vorteil beim „2030 Haus“ ist, die des hohen Schutzes gegen die sommerliche Hitze. Dieser wird zum einen durch die 40 cm Dämmstärke und zum anderem, durch die Verwendung von natürlichen Naturfaserdämmstoffen, die gegenüber von Kunststoff- oder Mineraldämmstoffen, die Hitze zusätzlich länger abhalten, erreicht. Dieser Wand- und Dachaufbau hat auch noch den Effekt eines überdurchschnittlich hohen Schallschutzes.

Die Häuser sind gegeneinander verschoben, wodurch auf der Nordostseite ansprechende Innenhöfe und auf der Südwestseite, von Nachbarhäusern kaum einsehbare Terrassenecken, entstehen. Durch die Verschiebung und den Wechsel zwischen ein- und zweistöckigen Häusern, wird trotz geringem Flächenverbrauch eine sehr gefällige moderne und individuelle Gesamtansicht erreicht.

Die Haustechnik:

Laut Herstellerangaben liegt der Stromverbrauch für Heizung und Warmwasser niedrig. Erreicht wird der niedrige Verbrauch im Zusammenspiel mit allen anderen energiesparenden Faktoren auch durch die kontrollierte Wohnraumlüftung. Dabei wird die Energie, die bei herkömmlichen Häusern durch die Lüftung verloren geht, wieder zurück gewonnen. In modernen Passivhäusern ist diese Technik mittlerweile Standard, wie in einem KFZ. (Im KFZ müssen wir die Fenster für die Frischluftzufuhr, Dank Lüftung, wie bei den meisten unserer Häuser, auch nicht ständig öffnen, können es aber, z. B. selbstverständlich im Sommer.) Zum Einsatz kommt ein tausendfach bewährtes Kompaktgerät, in dem Warmwasserboiler, Vor- und Rücklauf für die Fußbodenheizung, Wärmepumpe, Kontrollierte Wohnraumlüftung und als Zusatzheizung für die kalten Tag im Jahr, ein Elektroschwert integriert sind. Selbstverständlich wird tagsüber Eigenstrom vom Dach eingesetzt. Der Jahresstromverbrauch der Siedlung in KWh, wird in etwa der gleichen Menge mit einer entsprechend groß ausgelegten Fotovoltaikanlage erzeugt.

Die Psychologie:

Das Besondere bei dieser Siedlung ist, dass außer Ökonomie und Ökologie auch die Psychologie, die Bedürfnisse des menschlichen Zusammenlebens bereits in der Planung mit einbezogen wurden. „Was hilft ein goldener Käfig, wenn man alleine darin sitzt?“

Als Kind noch in der bäuerlichen Großfamilie auf dem Bauernhof aufgewachsen, lernte ich schnell den Vorteil mehrerer Bezugspersonen kennen. Die Großeltern waren da, wenn die Eltern im Stall, oder auf den Feldern beschäftigt waren und die Multiple Sklerose kranke Tante im Rollstuhl, las uns stundenlang Märchen vor. Die fremden Arbeitskräfte saßen mit am Tisch.

Durch den Bau eines Austragshauses meiner Eltern und die Mechanisierung in der Landwirtschaft, wurde aus unserer Großfamilie innerhalb weniger Jahre eine Kleinfamilie. Plötzlich lebten wir, meine Frau, unseren beiden Kindern und ich, in dem für 12 bis 14 Bewohner ausgelegten, 1845 erbauten großen Hof alleine.

Als die Kinder erwachsen waren, zogen sie zu ihren Partnern in eigene Wohnungen. Anschließend lebte ich einige Jahre alleine. Meine Entwicklung betrachtend, sehe ich es als einen Vorteil, alle drei Lebensformen, Großfamilie, Kleinfamilie und Alleinleben in der Realität erleben, beziehungsweise, erlebt zu haben. Und genau dieses Erleben am eigenen Leib, hat mich seit Jahren sensibilisiert, über neue Lebensformen eines zukünftigen Zusammenwohnens nachzudenken.

Genetisch sind wir Menschen auf Gruppenleben "ausgelegt". Wir können es nicht umprogrammieren. Wir müssen viel mehr darauf hinarbeiten, dass wir moderne Lebensformen entwickeln, die genau auf unsere Veranlagungen abgestimmt sind. Nur so können wir einem ausgewogenem Leben gerecht werden. Selbstverständlich brauchen wir auch unsere „Alleinzeiten“. Wir leiden, wenn wir davon zu wenig, aber ebenso, wenn wir davon zu viel haben. Diese Ausgewogenheit in Bad Endorf herauszufinden und zu leben ist das Ziel, um nicht wieder in die Falle einer Gettoisierung von Altersgruppen zu tappen.

PS: Den Slogan "Haus 2030" habe ich deshalb gewählt, weil nach meiner festen Überzeugung, die energiesparende Bauweise in diese Richtung gehen wird. Er soll nicht provokativ sein, sondern zum Nachdenken anregen.
 
Hans Fritz